Oh, du fröhliche Stadion-Weihnachtszeit

Adventssingen im Fußballstadion hat sich in den letzten Jahren zu einem neuen Weihnachtsritual in Deutschland entwickelt. Begonnen hat alles 2003 beim 1. FC Union Berlin.

Oh, du fröhliche Stadion-Weihnachtszeit

Weihnachtslieder gehören in Deutschland zur jahrhundertealten Tradition rund um das Fest – auch weil sie den Menschen ein Gefühl von Heimeligkeit vermitteln. Anders als früher begnügen sich viele Deutsche allerdings damit, sie von Tonträgern zu hören. Oft erschallen „Kling Glöckchen“ und „Oh Tannenbaum“ wenig besinnlich in Kaufhäusern oder auf überfüllten Weihnachtsmärkten. Und selbst zu Hause kommen die Lieder am Heiligabend in der Regel vom CD-Player. Wer nicht gerade einem Freizeitchor angehört oder am 24. Dezember in die Kirche geht, um dort „Stille Nacht, Heilige Nacht“ anzustimmen, singt zu Weihnachten kaum noch selbst.

Umso erstaunlicher ist, was sich seit Jahren in der Adventszeit in vielen deutschen Fußballstadien abspielt. Nicht nur Bundesligafußball mit Fansupport nämlich, sondern auch weihnachtliches Liedersingen als Massenevent auf den Traversen – ohne dass auf dem Platz der Ball rollt. In diesem Jahr findet das unter anderem in Aachen, Gelsenkirchen, Magdeburg, Potsdam-Babelsberg und Berlin statt. Im Hauptstadt-Bezirk Köpenick hatte das Weihnachtssingen vor 15 Jahren auch begonnen und in der Folge Nachahmer in der ganzen Republik gefunden.

15 Jahre Weihnachts-Tradition

Fußballfans singen Weihnachtsslieder im Stadion

Damals im Dezember 2003 hielt sich die Seligkeit bei den Fans des 1. FC Union Berlin ob der schlechten Tabellensituation des Zweitligaklubs gerade in Grenzen. Nach verlorenen Spielen waren die Anhänger der „Eisernen“, die sich selbst als „Union-Familie“ bezeichnen, meist frustriert nach Hause geschlichen, weshalb bei einem langjährigen Union-Fan die Idee entstand: Sich in Zeiten der sportlichen Not das Herz mit traditionelle Liedern zum Fest der Nächstenliebe zu wärmen. „Ich fand, dass wir das Weihnachtsfest auf diese Art in unserer Union-Familie besinnlich einläuten konnten, um uns dann zu unseren Familien daheim zu begeben“, so Weihnachtssingen-„Erfinder“ Torsten Eisenbeiser.


Mit einer Handvoll Zetteln voller Weihnachtslieder, die er aus dem Internet kopiert hatte,  schlichen sich 89 Mitglieder seines Fanclubs „Alt-Unioner“ heimlich ins damals noch marode Stadion an der Alten Försterei und stimmten „Oh, du Fröhliche“ an. Den Fußballgott konnte das zwar nicht beeindrucken und ließ den 1. FC Union am Saisonende aus der Zweiten Liga absteigen. Trotzdem wurde das von den Fanclubmitgliedern ehrenamtlich organisierte Weihnachtssingen zum Ritual. Bald kamen Tausende, die sich mit Glühwein, Kerze und Liederbuch zum Massenchor vereinten. Alles ohne prominente Vorsänger, stattdessen stimmt ein Köpenicker Schülerchor die Lieder an, und ein Pfarrer las die christliche Weihnachtsgeschichte – was die in den Klubfarben rot-weiß gewandeten Fans nicht davon abhält, zwischen den festlichen Liedern hin und wieder einen Choral auf ihren Verein zu schmettern.


2013 war das Berliner Stadion erstmals komplett gefüllt. Die Organisatoren entschlossen sich deshalb, den Zustrom über den Verkauf von Tickets zu steuern. Immer ist die Veranstaltung rasch ausverkauft, die Einnahmen kommen dem Vereinsnachwuchs zugute. Selbst aus Skandinavien, Schweiz, Belgien, Frankreich, Spanien, Tschechien und sogar aus Argentinien kommen Menschen zum Weihnachtssingen, das traditionell einen Tag vor Heiligabend stattfindet. Durch die Stadionlage an einem Waldgebiet ist die Atmosphäre besonders anheimelnd.

Von Berlin in die Welt

Fußballfans singen Weihnachtsslieder im Stadion

Zugleich strahlt die Idee unaufhörlich weiter ins Land. Von Fans anderer deutscher Fußballvereine wurde das weihnachtliche Singen aufgenommen und in teils abgewandelter Form umgesetzt: bei 1860 München, MSV Duisburg und Dynamo Dresden, in dessen Stadion 2015 erstmals der weltberühmte Dresdner Kreuzchor auftrat. Auch beim 1. FC Köln standen bekannte Musiker auf der Bühne und animierten zum Mitsingen. Und im Dortmunder Westfalenstadion wird 2018 zum zweiten Mal ein Weihnachtssingen über die Bühne gehen, unter anderem mit Sänger Sasha und BVB-Spielern.


Premiere hat dieses Ritual ebenfalls in Nürnberg und Düsseldorf, wo man gleich mal einen Rekord ansteuert: 53.000 Mitsingende, um die aktuelle Rekordmarke von 44.000 Besuchern von Köln zu knacken. Somit ist das Original in Berlin-Köpenick mit knapp 30.000 Mitwirkenden längst nicht mehr der größte Weihnachtschor Deutschlands. Was „Erfinder“ Torsten Eisenbeiser jedoch nicht stört. Über die bundesweite Ausbreitung seiner Idee kann er sich allemal freuen. Zumal das Union-Weihnachtssingen einzigartig bleibe: „Bei uns sind immer noch die Besucher die wichtigsten Sänger. Natürlich haben wir einen Chor zum Anstimmen, aber der wird von den Fans schnell überstimmt.“


Ach ja, beim Rekordmeister FC Bayern München ist die neue deutsche Singwelle noch nicht angekommen. Dafür waren die Münchner immerhin der erste Verein, der schon vor drei Jahrzehnten eine Schallplatte mit einem eigenen Weihnachtschor herausbrachte. Auf der LP sang die Mannschaft um die damaligen Starkicker Dieter Hoeneß und Klaus Augenthaler besinnliche Lieder zum Fest. (Leo)