Zeitlose Eleganz: Designklassiker von Eames bis Henningsen

Das Wort „Klassiker“ wird zuweilen inflationär eingesetzt. Doch die „wahren“ Klassiker sind in Design und Funktion damals wie heute unverkennbar – ob Sessel wie der Eames Lounge Chair, Stühle wie der S 64 oder Lampen wie die PH Artichoke.

Nico Barbat von Nico Barbat   |   30 Oktober 2018
Zeitlose Eleganz: Designklassiker von Eames bis Henningsen

„Ein Stuhl ist ein sehr schwieriges Objekt. Ein Wolkenkratzer ist beinahe einfacher“. Das sagte der berühmte Architekt Mies van der Rohe 1957 dem „Time Magazine“. Was ihn dennoch nicht davon abhielt, sich der Herausforderung zu stellen – und neben berühmten Gebäuden auch den einen oder anderen Designklassiker zum Sitzen zu kreieren. Was aber macht ein Design zum „Klassiker“? In erster Linie die Zeit. Denn wenn man von einem Klassiker spreche, gehe es nicht nur um dessen Wert, sondern um dessen Zeitlosigkeit, befand vor Jahren der ehemalige Kurator des Museum of Modern Art (MOMA) in New York City, Stewart Johnson. Das Erschaffen eines zukünftigen Klassikers sei daher auch immer ein Glücksspiel, so Johnson weiter, da man ja nie wissen könne, ob sich das gute Stück als langlebig erweise – „wenn man Pech hat, wird es ein Hula Hoop; wenn man Glück hat, hat man einen Stuhl von Eames.“ Auch der Designer Emilio Ambasz bezieht sich bei der Definition auf den Sitzmöbel-Klassiker von Charles und Ray Eames: „Sessel wie dieser sind wie große, starke Eichen in einem Wald. Sie werden die Zeit überstehen.“

Ein Klassiker, und auch da sind sich viele Design-Experten einig, muss nicht zwangsläufig schön sein. Darum gehe es beim Design nicht, behauptet der Fachjournalist Darren Bedfellow. Vielmehr gehe es um die Ehe von Form und Funktion, in der nichts überflüssig und nützlich sei, sondern in der alle Elemente so zusammenarbeiten, dass der Gegenstand auf elegante Weise seinen eigentlichen Zweck erfülle. Und natürlich gehe es um die Wiedererkennbarkeit, die Einzigartigkeit und die Vision in Form und Material. Einen Designklassiker erkennt man.

Eames Lounge Chair

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Ein solch unverkennbares Stück ist der besagte "Lounge Chair" von Charles und Ray Eames aus dem Jahr 1956, der mitsamt Ottomane bis heute von Herman Miller für die USA und Australien sowie für Europa von Vitra in Lizenz produziert wird. Er ist sofort erkennbar an den gebogenen, furnierten Sperrholz-Schalen für Sitz, Rücken und Schultern. Eine Ikone des modernen Designs – und daher auch Exponat im MOMA und im Art Institute of Chicago sowie Gegenstand unzähliger Bücher über Design. Der Lounge Chair gilt als der vollkommene moderne Klassiker. Entworfen haben Charles und Ray Eames den bequemen Sessel übrigens als Geschenk für ihren Freund, den Regisseur Billy Wilder („Manche mögen’s heiß“). Als die Produktion im Jahr 1956 begann, bemühte sich der Hersteller, so viel wie möglich von der Handarbeitskunst der beiden Designer in die Massenproduktion mit zu übernehmen. Einige der Materialien, wie etwa das Leder, wurden aber laut Herman Miller über die Jahre im Sinne von Nachhaltigkeit und Haltbarkeit angepasst.

LC4 Chaiselongue

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Wie der Eames Lounge Chair befindet sich auch die "LC4 Chaiselongue", die der Schweizer Architekt Le Corbusier im Jahr 1928 entwarf, in der Kollektion des MOMA. Diese geniale, stufenlos verstellbare und ungemein bequeme Liege verdankt ihren Spitznamen „relaxing machine“ ihrer Form, welche die natürlichen Kurven des menschlichen Körpers widerspiegelt – und gleichzeitig über ihrem Gerüst zu schweben scheint. Drei Jahre zuvor hatte Marcel Breuer mit dem B 3 ein Sitzmöbel mit Stahlrohrgestell entworfen, das ebenfalls als Klassiker gilt. Mit dem Einsatz von Stahlrohr zog laut Experten eine rationale, industrielle Ästhetik in die Möbelproduktion ein. Marcel Breuer wird auf der Website des Design-Museums in Weil am Rhein wie folgt zitiert: „Diese Metallmöbel sollen nichts weiter als notwendige Apparate heutigen Lebens sein.“ Während der B 3 nur in den Jahren 1926 und 1927 hergestellt wurde, kann die LC4-Liege von Le Corbusier nach wie vor bestellt werden.

S 64 (B 64)

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Zeitloses Design führt fast zwangsläufig Nachahmer und preisgünstigere Kopien nach sich. Ein positives Beispiel dafür ist der "S 64" (B 64) von Marcel Breuer aus dem Jahr 1929, ein freischwingender Stuhl mit Sitz- und Rückenfläche aus Rohrgeflecht. Nahezu jeder von uns dürfte schon mal in einem oberflächlich identischen Stuhl Platz genommen haben. Breuer war jedoch nicht der Urheber dieses genialen Designs, das von der Vorstellung Abstand nahm, dass ein Stuhl auf vier Beinen zu stehen habe. Laut www.design-museum.de habe bereits 1926 der niederländische Architekt Mart Stam eine ähnliche Idee vorgestellt, die Ludwig Mies van der Rohe dann 1927 als erster mit seinem Modell MR 10 umgesetzt habe. Marcel Breuer habe die Idee adaptiert, die Stahlrohrkonstruktion mit Holzrahmen für Sitz und Rückenlehne kombiniert – und damit seinen größten kommerziellen Erfolg in die Welt gesetzt.

Barcelona Chair

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Ebenfalls aus dem Jahr 1929 stammt ein Stuhl, den Mies van der Rohe anlässlich der Weltausstellung 1929 in Barcelona für das spanische Königspaar entwarf. Für den Stuhl ließ sich der deutsch-amerikanische Designer vom „Kurulischen Stuhl“ des Alten Rom inspirieren – der "Barcelona Chair" avancierte in Folge schnell zum Klassiker. Van der Rohe selbst soll das komfortable Sitzmöbel als „bedeutungsvoll und elegant“ beschrieben haben. Das Gestell war aus verchromtem, handgeschweißtem Stahlband, der Bezug aus Leder.

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Dass geniales Design nicht nach viel aussehen muss und nur durch schlichte Eleganz glänzen kann, bewies der dänische Designer Arne Jacobsen, als er im Jahr 1952 einen Stuhl entwarf, der wegen seine Taillenform den Namen "Ant" (Ameise) erhielt. Sitz und Rücken bestehen aus einem durchgängigen Stück Holz, wobei Jacobsen für die Verarbeitung der schichtverleimten Furnierplatten eine völlig neue Technik angewandt hat: Er hat Dampf eingesetzt, der die Verformung der Platten in zwei Richtungen ermöglichte. 1955 stellte Jacobsen eine vierbeinige Version vor, die sich ebenso wie der Vorgänger einfach stapeln ließ. Beide Versionen, die von Fritz Hansen A/S produziert werden, wurden Bestseller – und sind es bis heute geblieben.

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Klassisches Design lädt nicht nur zum Platz nehmen ein – es kann auch Räume in ein besseres Licht setzen. 1962 entwarfen die Brüder Pier Giacomo und Achille Castiglioni für den Hersteller Flos eine Stehlampe, die heute ebenfalls zur Ausstellung des Museum of Modern Art in New York gehört. Auch die "Arco" gilt längst als Designklassiker schlechthin, weil es den Castiglioni-Brüdern gelang, auf elegant-geniale Weise aus einer Pendellampe eine frei stehende Bodenlampe zu zaubern. Die Arco vereinte die Vorzüge von Steh- und Deckenlampen – sie war die erste Stehlampe, die aufgrund ihres vierteiligen (und höhenverstellbaren) Bogengestänges einen Esstisch ausleuchten konnte. Ihre Standsicherheit erhält sie von einem mehr als 60 Kilogramm schweren Marmorblock.

PH Artichoke

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Einen ähnlichen Ikonen-Status genießt eine weitere Lampe, die 1958 vom Dänen Poul Henningsen für das „Langelinie Pavillonen“-Restaurant in Kopenhagen (wo sie bis heute hängt) entworfen und als Artichocke weltberühmt wurde. Die "PH Artichoke", für den dänischen Leuchten-Hersteller Louis Poulsen entworfen, fällt durch ihr außergewöhnliches Design auf: Sie besteht aus 72 weißen „Metall-Blättern“, die auf 12 Stahlbögen angebracht sind sowie ein sanftes und von jedem Blickwinkel aus blendfreies Licht erzeugen.

Wahre Designklassiker

Zwar mögen diese beiden zuletzt vorgestellten Lampen-Evergreens gemäß der Definition von Designer Emilio Ambasz nicht zu den „großen, starke Eichen in einem Wald“ zählen, eher schon „Leuchttürme“ sein. Doch auch sie haben, wie zahlreiche andere Möbel aus dem 19. Jahrhundert, die Zeit überstanden – und sind wahre Designklassiker.

Nico Barbat
von Nico Barbat

Nico Barbat, Jahrgang 1975, wollte „was mit Medien“ machen und wurde professioneller Wortschubser. Gründete und leitete Technik- und Sport-Magazine. Seit 2018 als Chefredakteur bei comprigo auf der Suche nach dem besten Produkt aller Zeiten. Hat ein Faible für Computer der 80er, Autos der 70er und Design der 60er und ist felsenfest überzeugt, dass „Monkey Island“ das bessere „Fluch der Karibik“ ist. Mag lange Wandertouren und träumt vom Haus am Fjord.