Leben ohne Plastik: Wie Plastikmüll unsere Ozeane zerstört

Unsere Umwelt wird von Plastikmüll bedroht. Am 24. Oktober 2018 hat das EU-Parlament ein Verbot von Plastik-Wegwerfprodukten ab dem Jahr 2021 beschlossen. Wir haben mit Dr. Bernhard Bauske vom WWF über das brisante Thema “Plastikmüll im Meer" gesprochen.

Giulia Carta von Giulia Carta   |   08 Januar 2019
Leben ohne Plastik: Wie Plastikmüll unsere Ozeane zerstört

Die Problematik des Plastikmülls im Meer wird derzeit häufig diskutiert. Die Schäden für Umwelt und Tiere sind sichtbar. Neue Studien sowie zahlreichen Foto- und Videobeweise zeigen eine erschreckende Menge an Plastikmüll, die auf der Wasser-Oberfläche schwimmt. Doch das ist noch nicht alles: Man schätzt, dass sich bereits 80 Millionen Tonnen auf den Meeresböden angesammelt haben. Eine Schätzung des WWF geht von zusätzlichen 4,8 bis 12,7 Millionen Tonnen Plastik jährlich aus, was einer LKW-Ladung pro Minute entspricht. Würde diese Entwicklung so weitergehen, gäbe es im Jahr 2050 mehr Plastik im Meer als Fische.

Plastik verrottet nicht

Leben ohne Plastik - Flaschen am Strand

Das Problem: Plastik verrottet nicht. Wenn es erst einmal im Meer gelandet ist, bleibt es dort für mindestens 20 Jahre und hinterlässt eine Menge Schäden: Das Wasser wird sauer, produziert mehr CO₂ und beschleunigt dementsprechend den Treibhauseffekt. Die Ökosysteme sterben, Meerestiere verwechseln Plastikteile versehentlich mit Nahrung und verhungern mit vollem Magen oder bleiben in Netzen oder Tüten hängen.

Es wird zu viel Plastik produziert: In den letzten zehn Jahren wurde mehr Plastik produziert als insgesamt im vergangenen Jahrhundert. Dessen Produktion verschlingt auch eine gravierende Menge an Ressourcen: Beispielsweise werden in den USA jährlich 63 Milliarden Gallonen Öl allein für die Herstellung von Plastikflaschen verwendet (90 % von ihnen werden nur einmalig verwendet). Diese Menge ist alarmierend, vor allem, wenn man bedenkt, dass diese Nutzung der Ressourcen häufig überflüssig und vermeidbar ist.


Es gibt Alternativen zu Plastik

Leben ohne Plastik - feste Alternative ohne Plastik-Verpackung

Denn mittlerweile gibt es feste und verpackungsfreie Alternativen für viele in Plastik verpackte Produkte wie Duschgel, Shampoo, Deo, Zahnpasta, Rasierschaum. Plastikmüll kann auch vermieden werden, indem man auf kunststofffreie und wiederverwendbare Artikel zurückgreift, wie z. B. Einkaufstaschen und Gemüse-Beutel aus Stoff, Bambus-Becher und Bambus-Zahnbürsten, Trinkflaschen aus Edelstahl usw. 

Viele Umweltschutzorganisationen wie der WWF, der kürzlich die Kampagne “Stoppt die Plastikflut!” startete, engagieren sich aktiv gegen die Verschmutzung unserer Ozeane. Doch wie landet der Plastikmüll überhaupt in unseren Ozeanen und warum ist es wichtig, dass jeder seinen Beitrag leistet? Wir haben mit Dr. Bernhard Bauske, seit über 20 Jahren Experte des WWF, gesprochen und interessante, hilfreiche, aber auch besorgniserregende Antworten auf unsere Fragen erhalten.

Im Interview: Dr. Bernhard Bauske vom WWF

Bernhard Bauske

Dr. Bauske, welche Folgen des Plastikmülls schockieren Sie als Umweltschützer besonders?
Dr. Bernhard Bauske: Geschätzt gelangen jährlich zwischen 4,8 und 12,7 Millionen Tonnen Plastikmüll in die Weltmeere. Das ist ein Müllwagen pro Minute! Die Folgen sind dramatisch: Viele Seevögel haben Plastikmüll im Magen und gehen daran zugrunde. Geht die Entwicklung so weiter, rechnen Experte damit, dass bis 2050 fast jeder Seevogel Plastikmüll im Magen haben wird. Aber nicht nur Seevögel sind betroffen, auch in den Mägen gestrandeter Walen oder Meeresschildkröten hat man Plastikmüll gefunden. 


So kommt der Müll in die Ozeane

Leben ohne Plastik - Hai im Netz gefangen

Wie kommt überhaupt so viel Plastikmüll in unsere Ozeane?
Dr. Bernhard Bauske: Es gibt drei maßgebliche Ursachen:

  1. Die Schifffahrt, denn Plastikmüll wird auch von Schiffen ins Meer geworfen, was eigentlich verboten ist. 
  2. Die Fischerei. Netze und andere Fischerei-Ausrüstung gehen verloren und wenn Tiere sich in den Netzen verfangen, ist das natürlich besonders tragisch. Diese beiden Faktoren machen allerdings nur 20 % des Eintrags von Plastikmüll in die Meere aus. 

  3. Die restlichen 80 % kommen tatsächlich vom Land.

Vom Land?
Dr. Bernhard Bauske: Ja, denn viele Länder haben immer noch keine funktionierende Abfallentsorgung. Der Müll in den Meeren stammt hauptsächlich aus Afrika, Süd-Amerika und Süd-Ost-Asien. Dort sind die Abfallmanagement-Systeme schlecht. Gleichzeitig steigt dort das Angebot und der Konsum von in Plastik verpackten Lebensmitteln. In diesen Ländern wird über 90% des Mülls immer noch einfach auf wilde Müllkippen abgeladen, wenn er überhaupt eingesammelt wird. Knapp 50% des Mülls werden gar nicht eingesammelt, sondern direkt in die Umwelt und die Flüsse geworfen oder verbrannt. Über die Flüsse gelangt der Müll schließlich in die Meere, z.B. bei Überflutungen nach starken Regenfällen.


Hersteller müssen Kosten für Entsorgung tragen

Leben ohne Plastik - WWF © - Schildkröte isst Plastiktüte

Aber produziert wird der Plastikmüll woanders?
Dr. Bernhard Bauske: In den Industrieländern wird viel Plastikmüll verursacht, aber auch in den Schwellenländern wie in Südostasien. Allerdings wird der Verpackungsmüll in vielen Industrieländern zu großen Teilen eingesammelt und verwertet, was in Schwellen- und Entwicklungsländern oft leider nicht der Fall ist.

Was also tun?
Dr. Bernhard Bauske: Wir vom WWF fordern, dass die Unternehmer aus den Industrienationen dazu verpflichtet werden, die Kosten dafür übernehmen, den Verpackungsmüll wieder einzusammeln, zu sortieren und zu recyclen. Gerade in den Ländern, in denen das Abfallmanagement ein großes Problem ist. Denn diesen Ländern fehlt es an den notwendigen Finanzen, um die Abfall-Entsorgung zu bezahlen. In Deutschland selbst sowie in den anderen Industrieländern wird der Müll dagegen vollständig eingesammelt. Wir haben nur dann ein Plastikmüll-Problem in der Umwelt, wenn Müll in die Landschaft geworfen wird - oder wenn Touristen irgendwelche Einweg-Plastik-Artikel am Strand liegen lassen.


EU-Verbot gilt erst ab 2021

Leben ohne Plastik - WWF © - Hunde laufen über Berge von Plastikmüll

Wie reagieren die Hersteller, wenn man sie dazu auffordert, sich an der Müllentsorgung in Asien und Südamerika zu beteiligen?
Dr. Bernhard Bauske: Herstellern oder Handelsketten ist das Problem bewusst. Einige haben sich Ziele gesetzt, bessere Verpackungen zu gestalten. Ganz wenige sind bereit, die Verpackungen wieder zurück zu holen. Genau das fordern wir aber ein: Jedes Unternehmen, das Verpackungen in Umlauf bringt, sollte die gleiche Menge an Verpackungen wieder zurückholen. Sie müssen Verantwortung für die Entsorgung übernehmen, und zwar weltweit. Dazu bedarf es eines gesetzlichen Rahmens, da müssen Unternehmen und Politik ein wenig Hand in Hand arbeiten.

Die EU hat einige Einweg-Produkte aus Plastik bereits verboten - allerdings erst ab 2021. Warum dauert die Umsetzung so lange?
Dr. Bernhard Bauske: Die Gesetzgebungsverfahren können nicht von heute auf morgen umgesetzt werden. Es ist eine EU-Richtlinie und die Länder müssen diese Richtlinie erst in nationale Gesetzgebung umsetzen. Man muss auch sagen, dass die Industrie und der Handel Zeit brauchen, um sich auf die Änderung einzustellen. Oft wird dann gewechselt zu holz- oder papierbasierten Produkten. Unserer Meinung nach ist es besser, wenn man generell den Einsatz von Einweg-Produkten verringert - also verstärkt auf Mehrweg-Lösungen setzt. Die Stadt München hat z.B. die Auflage, dass man bei öffentlichen Veranstaltungen nur Mehrweg-Geschirr verwenden darf. Das ist also machbar und sollte sich weiter verbreiten.


Plastik vermeiden beim Einkaufen

Leben ohne Plastik - Obst in Plastik-Einwegbecher verpackt

Im Moment ist es noch schwierig, zum Beispiel in Supermärkten Produkte zu finden, die nicht in Plastik verpackt sind. Warum wird so viel Gemüse in Plastik eingepackt?
Dr. Bernhard Bauske: Wir haben lange Transportketten, teilweise wird Gemüse aus anderen Ländern hierher transportiert. Durch die Verpackung ist diese Ware besser geschützt. Deshalb wäre eine Lösung, eher Gemüse aus regionaler Produktion zu kaufen, weil es nicht aufwändig verpackt werden muss.

Worauf kann man noch achten?
Dr. Bernhard Bauske: Am besten verzichtet man auf die dünnen Einweg-Beutel und legt Ware wie Äpfel, Bananen etc. lose in den Wagen. Es sei denn, es sind wirklich kleinteilige Sachen wie z. B. Weintrauben, da ist es natürlich schwieriger.

Selbst Bio-Gemüse ist oft in Plastik verpackt, warum?
Dr. Bernhard Bauske: Das liegt an einer EU-Verordnung, die besagt, dass Bio-Gemüse von konventionellem Gemüse getrennt werden muss. Bio-Gemüse wird deshalb vom Handel aufwändig verpackt. Das muss natürlich auch nicht sein. Stattdessen könnte man die Verkaufsflächen für Bio- und für konventionelles Gemüse klar voneinander trennen.

Gibt es noch weitere Alternativen, um auf Verpackungen gänzlich zu verzichten?
Dr. Bernhard Bauske: Ja, sogenannte “unverpackte Läden”, wo man sich trockene Produkte wie z. B. Nudeln oder Reis abfüllen kann. Man bringt selbst seinen Behälter mit, füllt das Produkt ein und bringt es zur Kasse, wo es gewogen wird. Das Gewicht des Behälters wird natürlich vorher abgezogen.


Direkt in die Tupperdose abfüllen lassen?

Warum ist so etwas nicht auch in herkömmlichen Supermärkten möglich, z.B. an der Fleisch oder Käse-Theke?
Dr. Bernhard Bauske: Aus hygienischen Gründen dürfen keine Schalen über die Theke hinüber gereicht werden. Es gibt aber die Möglichkeit, den Behälter auf der Theke abzustellen und direkt dort befüllen zu lassen. Manche Händler bieten auch Mehrwegbehälter an - das heißt, der Kunde bekommt einen wiederverwendbaren, frisch gereinigten hygienischen Behälter, in dem die Ware abgefüllt wird. Den bringt er beim nächsten Einkauf wie eine Pfandflasche zurück. Es gibt also durchaus Alternativen, die aber noch nicht flächendeckend verbreitet sind.

Gibt es bestimmte Plastik-Arten, die man besonders vermeiden sollte?
Dr. Bernhard Bauske: Eher bestimmte Verpackungsarten, nämlich solche, die für das Recycling schlecht geeignet sind, weil dafür verschiedene Materialien verklebt wurden. Aber auch als Verbraucher kann man etwas tun z. B. bei einem Joghurt-Becher mit einer vorperforierten Papp-Manschette und einem Alu-Deckel die verschiedenen Materialien trennen. Letztendlich aber müssen die Unternehmen Verpackungen auf den Markt bringen, die besser recycling-fähig sind.

Mehrweg statt Einweg

Leben ohne Plastik - WWF © - Seelöwe mit Plastikring am Hals

WWF hat neulich die Kampagne "Stoppt die Plastikflut" gestartet. Worum geht es dabei?
Dr. Bernhard Bauske: Wir haben in Ländern wie in Süd-Ost-Asien, wo es diesbezüglich große Probleme gibt, Projekte begonnen, um den Eintrag von Plastikmüll in die Meere zu reduzieren wie z.B. das Projekt des Mekong-Flusses. Wir wollen den Müll nicht einfach nur aufsammeln, sondern an der Quelle stoppen. Das bedeutet, die Abfallentsorgung in den Ländern zu verbessern. Außerdem setzt sich der WWF dafür ein, dass ein internationales Abkommen geschlossen wird, in dem alle Länder vereinbaren, dass kein Plastikmüll in die Meere gelangen darf.

Haben Sie noch einen Alltagstipp, wie wir als Verbraucher mithelfen können, das Problem in den Griff zu bekommen?
Dr. Bernhard Bauske: Es fängt dabei an, die Verpackung richtig zu sortieren oder besser noch zu vermeiden: Also Mehrwegbecher für den Kaffee to go mitnehmen, bei Partys Mehrweggeschirr nutzen, auf Stadtfesten fragen, ob das Essen in mitgebrachte Mehrweg-Gefäße gefüllt werden kann statt in die Plastikschüssel. Das machen wir auch so: Wir gehen auf den Markt, wir nehmen unseren Boxen mit und lassen das Essen abfüllen.


Bildquelle: Nr. 6, 7, 9 © WWF 


Giulia Carta
von Giulia Carta

Geboren im wunderschönen Genua am Mittelmeer zog es die Italienerin vor einigen Jahren nach Köln, um Sprachwissenschaften zu studieren. Hegt eine tiefe Abneigung gegen Menschen, die ihren Müll nicht ordentlich trennen oder überhaupt die Umwelt unsachgemäß behandeln. Lebt seit über 4 Jahren den veganen Lebensstil voll aus. Unnötig zu erwähnen, dass sie ein äußerst tierlieber Mensch ist und selbst Besitzerin von zwei Katzen. Da Bier glücklicherweise vegan ist, gönnt sie sich von Zeit zu Zeit auch gern mit Freunden ein kühles Kölsch am Rhein oder feiert ausgelassen Karneval.